Als ich die Schranktür in der Küche meiner Mutter festschraubte, schob sie mir einen Umschlag hin. „Die haben schon zweimal angerufen.“ Meine alte Schule in Bochum-Wattenscheid lud zum Klassentreffen ein, zweiunddreißig Jahre nach dem Abitur. Ich legte den Schraubendreher weg und fragte, ob die Tür jetzt richtig schließe.
„Martin, du kannst doch nicht ewig allen aus dem Weg gehen.“ Mutter war siebenundsiebzig und sprach Schwieriges am liebsten nebenbei an. Früher hatte sie mir gesagt, ich solle die Sprüche nicht so ernst nehmen. Mein Vater hatte empfohlen, zurückzuschlagen. Den Umschlag ließ ich liegen und fuhr nach Essen zurück.
Ich war einundfünfzig und leitete mit einem Geschäftspartner eine Firma für Lagerverwaltungssoftware. Seit der Trennung von meiner Freundin lebte ich allein. Mein Freund Jens fand, ich sollte wieder Menschen kennenlernen, mit denen ich nicht über Lieferfristen sprach. Auf sein Drängen hatte ich eine Dating-App installiert.
Am Dienstag erschien dort eine blonde Frau vor einem Buchladen. Eine kleine Narbe über der Augenbraue verriet sie. „Heike, 50“, stand darunter. Früher hieß sie Heike Feldmann, war eine der Beliebtesten unserer Stufe und fand zuverlässig jemanden, der über ihre Bemerkungen lachte. Meistens gingen sie auf meine Kosten.
Als großer, schwerer Junge wollte ich in der Schule möglichst wenig auffallen. Heike nannte mich „den Schrank“. Einmal klebte sie mir einen Zettel mit diesem Wort auf den Rücken; ich entdeckte ihn erst in der Straßenbahn. Beim Abschlussball fragte sie laut, ob ich fürs Gruppenfoto zwei Stühle brauchte. Ich ging vor dem Nachtisch nach Hause und mied später jedes Klassentreffen.
Trotzdem tippte ich auf das Herz unter ihrem Foto. Wenige Minuten später hatten wir ein Match. „Hallo Martin, du wirkst nett. Was machst du so?“, schrieb sie. Sie erkannte mich nicht. Ich trug keine Brille mehr, hatte graue Haare und wog weniger als damals. Nach dreißig Jahren war das verständlich. Warum mich ihre Unwissenheit freute, war eine andere Frage.
Wir schrieben über Bücher, Restaurants und den Baldeneysee. Heikes Sohn wohnte inzwischen allein, ihre Ehe war vorbei. Ich erzählte von meiner Mutter in Bochum. Heike fragte nach, merkte sich Kleinigkeiten. Manchmal freute ich mich auf ihre Antwort, bis ich wieder ihren Namen las und mich fragte, was ich überhaupt vorhatte.
Jens hörte sich alles in seiner Garage an. „Sag ihr einfach, wer du bist.“ Ich antwortete, ich wolle wissen, ob sie sich verändert habe. Er wischte sich Öl von den Fingern. „Und wenn nicht? Was hast du dann gewonnen?“ Statt zu antworten, fragte ich Heike nach einem Treffen. Wir verabredeten uns für Freitag in einer Weinbar in Essen-Rüttenscheid.
Am Donnerstag rief Mutter wegen eines tropfenden Wasserhahns an. Nebenbei erwähnte sie, dass Heike das Klassentreffen mitorganisiere. „Die soll heute ganz nett sein.“ Ich sagte, dass sie früher nicht nett zu mir gewesen sei. „Ihr wart Kinder“, erwiderte Mutter. Ich beendete das Gespräch hastig und ärgerte mich anschließend, mich mit einundfünfzig noch rechtfertigen zu müssen.
Heike kam zu spät in die Bar und entschuldigte sich wegen der Parkplatzsuche. Aus ihrer Stofftasche ragte ein Einkaufszettel. Nichts erinnerte an die selbstbewusste Schülerin von damals. Beim Essen erzählte sie, dass ihr Arbeitgeber die Marketingabteilung verkleinere und sie sich neu orientieren müsse. „Mit fünfzig ist das nicht so einfach.“
Erst sprachen wir über unsere Arbeit und ihren Sohn. Dann erwähnte sie das Klassentreffen. „Wir waren manchmal furchtbar“, sagte sie lachend. „Einen Jungen nannten wir den Schrank. Bei dem war jeder Spaß gleich ein Drama.“ Ich fragte nach seinem Namen. „Martin irgendwas. Der kommt ja nie zu Treffen.“
„Vielleicht wollte er euch nicht sehen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wir waren jung. Man kann doch nicht alles nachtragen.“ Ich erinnerte sie an den Abschlussball und die Sache mit den Stühlen. „Woher weißt du das?“ Gerade brachte die Bedienung unser Essen. Ich rückte die Gläser zurecht und ließ Heikes Frage offen.
Sie wechselte das Thema. Über meine Firma hatte sie einen Bericht in einem regionalen Wirtschaftsmagazin gelesen, mit einem Foto von meinem Geschäftspartner und mir. „Nachdem du von deiner Arbeit erzählt hast, habe ich euch gesucht.“ Ich fragte, ob sie sich deshalb mit mir treffe. „Auch“, sagte sie. „Ich wollte wissen, ob ihr jemanden für Kundenbetreuung braucht.“
Ich war enttäuscht, obwohl ich selbst nicht ehrlich gewesen war. Heike erklärte, sie unterhalte sich gern mit mir. Ein beruflicher Kontakt sei doch nichts Schlechtes. Ich sagte, dass wir gerade niemanden einstellten. „Hast du meinen Nachnamen gelesen?“ Sie nickte. „Schulte. Warum?“
„Ich bin Martin Schulte. Aus deiner Klasse. Der mit den zwei Stühlen.“ Heike legte ihre Gabel ab und sah genauer hin. „Martin? Das gibt’s doch nicht.“ Sie fragte, warum ich geschwiegen hätte. „Weil ich hören wollte, wie du heute über mich sprichst.“ Das stimmte. Aber ich hatte auch gehofft, ihr zeigen zu können, dass aus mir etwas geworden war.
„Das mit dem Abschlussball war gemein“, sagte sie. „Daran habe ich lange nicht gedacht.“ Ich fragte nach dem Zettel auf meinem Rücken. Erst schüttelte sie den Kopf, dann erinnerte sie sich. „Wir fanden uns komisch. Alle haben gelacht.“ Sie betrachtete ihre Serviette. „Ich wusste nicht, dass dich das so lange beschäftigt.“
„In den Pausen saß ich oft im Treppenhaus, um euch nicht zu begegnen.“ Heike entschuldigte sich. Ich wusste nicht, was davon bei ihr angekommen war. Kurz darauf fragte sie, ob ich ihr wenigstens jemanden in einer anderen Firma vorstellen könne. „Du entschuldigst dich und willst gleich meine Kontakte?“ Sie antwortete: „Ich brauche Arbeit. Das ist keine Ausrede, aber es stimmt.“
Am Nebentisch planten zwei Männer eine Fahrradtour. Heike sagte, sie hätte sich auch ohne den Artikel mit mir getroffen. Vielleicht stimmte das. Ich erklärte ihr, dass ich keinen weiteren Kontakt wollte. Sie bezahlte ihren Wein, ich mein Essen. An der Tür blieb sie kurz stehen. „Ich hätte damals aufhören müssen“, sagte sie. Ich nickte nur.
Draußen rief ich Jens an und erzählte von Heikes Entschuldigung und ihrer Bitte um berufliche Hilfe. „Du bist ihr nichts schuldig“, sagte er. „Aber fair war dein Versteckspiel auch nicht.“ Ich widersprach nicht. Ich war zu dem Treffen gegangen, um Heike zu prüfen, ohne ihr zu sagen, dass es eine Prüfung gab.
Am Sonntag lag die Einladung noch auf Mutters Küchentisch. Ich erzählte von dem Date. Sie stellte die Kaffeetassen in die Spüle. „Hat sie sich entschuldigt?“ Ich nickte. „Und wollte danach eine Stelle.“ Mutter drehte den Wasserhahn zu, der weiterhin tropfte. „Ich habe damals auch Ausreden gefunden“, sagte sie. „Dass ihr Jugendliche seid. Dass es von allein aufhört.“
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht mehr zur Schule wollte.“ Mutter setzte sich. „Ich weiß.“ Sie hatte befürchtet, ein Gespräch mit den Lehrern würde es schlimmer machen. Davon hatte ich damals nichts erfahren. „Du hättest mich fragen können, was ich brauche“, sagte ich. Mutter widersprach nicht. Später schrieb sie mir die Maße der Dichtung auf.
Zwei Tage später schrieb Heike noch einmal. Von der Firma war keine Rede mehr. Sie erwähnte den Abschlussball und dass sie mich auch am Freitag noch einmal verspottet hatte, obwohl sie es besser wissen müsste. Ich las ihre Nachricht zweimal. Am nächsten Morgen antwortete ich, dass ich die Entschuldigung annehme, aber keinen weiteren Kontakt wünsche.
Vom Klassentreffen meldete ich mich selbst ab. Am Samstag brachte ich Mutter die passende Dichtung mit. Sie reichte mir den Werkzeugkasten, ich kniete vor den Spülenschrank. „Dreh das Wasser ab“, rief ich. „Ist schon zu.“ Als ich den Hahn später aufdrehte, blieb die Verbindung trocken. Mutter stellte trotzdem einen Topf darunter und fragte, ob ich zum Mittagessen bliebe.
